PKW dominiert weiterhin touristische Anreise in den ländlichen Raum

Mangels Alternativen und aus Bequemlichkeit dominiert, abseits urbaner Ziele, bei den Reisenden nach wie vor der PKW bei der Verkehrsmittelwahl. Der sogenannte Modal Split weist einen Anteil der Übernachtungsgäste, die mit dem motorisierten Individualverkehr (MIV) anreisen, für ländliche Regionen von über 79 Prozent aus, bei Tagesreisenden sogar von über 80 Prozent.

In urbanen Räumen hingegen fällt bei weniger als der Hälfte der Gäste (47 Prozent) die Wahl auf das eigene Fahrzeug (Quelle: Gästebefragung "Qualitätsmonitor Deutschland-Tourismus").

Gegen die Anreise mit Bus oder Bahn bei Ausflügen oder Übernachtungsreisen sprechen häufig die fehlende Bequemlichkeit und Flexibilität im ÖPNV.

Gleichzeitig wächst das Potenzial der urbanen, multimodalen Gäste, die dann allerdings hohe Anforderungen an eine funktionierende und bequeme Mobilität, jenseits des PKW, gerade auch in ländlichen Regionen stellen.

Mobilität: Unterschiede im Verhalten/den Strukturen in Stadt & Land
Neue Angebote wie Apps, bei der Nutzer*innen alle Verkehrsmittel in einer Anwendung bedienen können – wie z.B. beim jüngst gestarteten JELBI in Berlin mit Fahrrädern, Scootern, Bussen und Bahnen, Carsharing und Taxi – ändern den städtischen Mobilitätsalltag und beflügeln die städtische Bevölkerung bei Multimodalität und Unabhängigkeit vom eigenen PKW.

Und auch große Konzerne und Unternehmen wie VW, Daimler, Sixt oder Uber werden aktiv und haben den Wettlauf um neue Mobilitäts- und Sharingkonzepte in den deutschen Großstädten eingeläutet. Dieses Mobilitätsangebot erwarten urbane Zielgruppen zunehmend auch von ihren ländlichen Urlaubsdestinationen, treffen hier jedoch auf entgegengesetzte Voraussetzungen und Strukturen. Neun von zehn Haushalten in ländlichen Regionen besitzen ein eigenes Fahrzeug und sind davon überzeugt: „Die Menschen auf dem Land sind auf das Auto angewiesen, um mobil zu sein“. (Quellen: "Ausflugs- und Mobilitätsverhalten im Land Brandenburg" dwif 2014; "ADAC Monitor „Mobil auf dem Land“ 2018)

Der seit den 60er Jahren stattfindende Rückbau der Verkehrsinfrastruktur im ÖPNV schreitet in peripheren Regionen eher voran und das dortige Angebot richtet sich meist ausschließlich an Pendler*innen- und Schüler*innen-Verkehre.

Das Engagement der Tourismusregionen ist gefragt
Dass Mobilität die zentrale Stellschraube für den Klimaschutz im Tourismus ist, zeigt der Anteil von rund 75 Prozent der CO2-Emissionen, die im Tourismus mobilitätsinduziert sind (Quelle: UNEP/UNWTO 2008). Alle anderen touristischen Bereiche wie der Betrieb von Beherbergung, Gastronomie und Freizeitinfrastrukturen tragen demgegenüber deutlich untergeordnet zu CO2 Emissionen bei.

Mobilität nachhaltig zu gestalten, entwickelt sich also zu einer fixen Aufgabe im Destinationsmanagement. Die Destinationen sind mehr denn je gefragt.

  • Lösungen für nachhaltige An- und Abreise sowie Vor-Ort-Mobilität zu finden,
  • die eigene Positionierung und Glaubwürdigkeit bezogen auf Mobilität zu definieren
  • sich langfristig und ernsthaft für eine geeignete nachhaltige Mobilität zu engagieren.

Die Umsetzung gestaltet sich komplex. Eine Orientierungshilfe, um den Handlungsbedarf zu identifizieren und zu systematisieren, bietet das dwif-Mobilitätsradar mit seinen zehn Handlungsfeldern.

Diese reichen von Kooperationsstrukturen und Besucherlenkung über Technologie und Produktentwicklung bis zu den Bedürfnissen der Einheimischen und dem letztlich entscheidenden Prüfstein, der Finanzierung touristischer Mobilitätsangebote.

Ein weiterer Erfolgsfaktor liegt in der Devise: Erlebnisqualität statt Mittel zum Zweck. Gemeint ist jegliche Form von tourismusbezogenem Service, um Mobilitätslösungen anzureichern oder zu einem besonderen Erlebnis werden lassen. Es geht darum, die Mobilität touristisch zu veredeln: das Lunchpaket im Wanderbus, das Sightseeingerlebnis im Panoramazug, WLAN für Unterhaltung und Arbeiten unterwegs.

Klar ist aber auch: langfristig wird keine Mobilitätswende stattfinden, wenn die PKW-Anreise nicht unattraktiver als die ÖPNV-Alternative gestaltet wird. Der ÖPNV-Halt findet sich dann direkt am Eingang der Sehenswürdigkeit, während Auffangparkplätze deutlich weiter entfernt platziert werden.

Last but not least ist jeder Tourist selbst zum Überdenken des eigenen Reiseverhaltens aufgefordert: Mehr Deutschland- statt Ferntourismus ist ein durchaus relevanter Beitrag zur Nachhaltigkeit, denn Fernflugreisen tragen mit 39,6 Prozent der CO2-Emissionen beträchtlich zur negativen Klimabilanz des Tourismus bei.