Apell an die Bundesregierung: Wiederaufbau einer leistungsfähigen Tourismuswissenschaft in Deutschland

Seit ca. zehn Jahren ist ein Rückbau der Tourismuswissenschaft an Universitäten in Forschung und Lehre zu beobachten. Für die Tourismusbranche hat diese Entwicklung äußerst negative Folgen. Akademischer Nachwuchs wandert ab, es fehlen sowohl qualifizierte Kandidatinnen und Kandidaten an den Hochschulen für die angewandte Forschung als auch akademisch ausgebildete Nachwuchskräfte für das mittlere und obere Management im Tourismus. Die Verbände appellieren aus diesem Grund an die Bundesregierung, sich des Problems u.a. bei der Fortschreibung der Nationalen Tourismusstrategie und im Rahmen der geplanten Nationalen Plattform Zukunft des Tourismus anzunehmen:

Die Tourismuswirtschaft ist eine der wichtigsten Branchen der deutschen Wirtschaft. Aber Tourismus ist viel mehr. Tourismus ist auch eine Friedensbranche. Reisen bildet, erhält Gesundheit, fördert Weltoffenheit und stärkt Demokratien. Insbesondere die Corona-Pandemie und aktuell die noch nicht absehbaren Folgen des Angriffs Russlands auf die Ukraine offenbaren den hohen
Stellenwert des Tourismus.

Die Alterung der Gesellschaft, die Folgen des Klimawandels, die Notwendigkeit zur Digitalisierung und Fragen zur Nachhaltigkeit verlangen eine zukunftsorientierte Weiterentwicklung des Tourismus. Dafür liefert die Tourismuswissenschaft grundlegende Erkenntnisse und ist an der Entwicklung von tragfähigen Lösungen maßgeblich beteiligt.

Der Notwendigkeit einer leistungsfähigen Tourismuswissenschaft diametral entgegengesetzt wirkt die seit ca. zehn Jahren zu beobachtende Entwicklung des Rückbaus der Tourismuswissenschaft an Universitäten in Forschung und Lehre. Beleg ist die immer länger werdende Liste der aufgegebenen universitären Lehrstühle und Professuren im Bereich Tourismus: 2009 Berlin,
2012 Trier, 2013 Paderborn, 2017 Dresden, 2018 Lüneburg und zuletzt 2021 München. Ein universitäres Tourismusstudium ist damit nur noch an wenigen Standorten (Eichstätt, Freiburg, Greifswald und Trier) möglich. Diese Entwicklung ist nicht nur für die Generierung von Grundlagenwissen und die Entwicklung der oben angeführten anstehenden Probleme dramatisch, sondern es ist auch zunehmend ein akademisches Nachwuchsproblem zu beobachten. Einerseits wandert der akademisch qualifizierte Nachwuchs für die weitere Universitätskarriere verstärkt ins Ausland ab, andererseits fehlen Promotionsmöglichkeiten für den heimischen akademischen Nachwuchs an Universitäten. Als Folge fehlen qualifizierte Kandidatinnen und Kandidaten, um die Professuren im Bereich Tourismus an den Hochschulen für angewandte Forschung
zu besetzen. Zudem wird es für die Tourismuswirtschaft in Deutschland zunehmend schwierig, akademisch ausgebildete Nachwuchskräfte für das mittlere und obere Management zu finden.

Wir haben auf diesen Missstand bereits im Jahr 2018 hingewiesen, sind jedoch auf wenig Verständnis und Problembewusstsein für die Dramatik der Situation gestoßen. Heute bitten wir Sie umso eindringlicher, sich des Problems insbesondere im Rahmen der im Koalitionsvertrag vereinbarten Fortschreibung der Nationalen Tourismusstrategie und der Nationalen Plattform Zukunft des Tourismus anzunehmen.

Deutschland kann es sich nicht leisten, dass die Tourismusforschung immer weiter zurückgefahren wird und der akademische Nachwuchs ins Ausland abwandert. Im Gegenteil: Die vor uns stehenden Aufgaben im Bereich des nachhaltigen Reisens und der Entwicklung entsprechender Produkte bzw. Dienstleistungen sowie neuer Geschäftsmodelle erfordern eine starke, zukunftsorientierte Tourismuswissenschaft, auch und gerade in Deutschland.