„Wir brauchen einen klaren Plan für weitere Öffnungen!“
Dessau-Roßlau, 4. Juni 2021. Die neuesten Lockerungen sorgen nach Einschätzung der Industrie- und Handelskammer Halle-Dessau (IHK) bei den betroffenen Unternehmen in der Region Anhalt-Bitterfeld-Wittenberg nur teilweise für Erleichterung. Sven Horn, Leiter der IHK-Geschäftsstelle schätzt: Handel, Hotellerie, Gastronomie, Reise- und Veranstaltungswirtschaft seien noch weit entfernt vom Tagesgeschäft. „Die Stimmung in diesen Branchen nehme ich gegenwärtig als abwartend skeptisch wahr.“ Wie der aktuelle IHK-Konjunkturbericht für die Region zeigt, haben die zurückliegenden Monate die Wirtschaft belastet. Mit 1,7 Punkten liegt der IHK-Geschäftsklimaindex, in dem positive und negative Einschätzungen gegeneinander gerechnet werden, zwar über dem Vorjahreswert, die Erholung beschränkt sich aber noch auf wenige Branchen.
IHK-Konjunkturexperte Danny Bieräugel stellt fest: „Die konjunkturelle Entwicklung ist so stark gespalten wie selten zuvor!“ Während Industrie oder Baugewerbe sich mittlerweile von den Einbrüchen 2020 erholen konnten, haben die Corona-Beschränkungen andere Branchen stärker belastet: „Die monatelangen Beschränkungen haben viele Dienstleistungsunternehmen, Einzelhändler, das Verkehrsgewerbe und insbesondere das Gastgewerbe hart getroffen – die Reserven sind inzwischen aufgebraucht“, berichtet Bieräugel.
IHK-Geschäftsstellenleiter Horn ergänzt: „Diese Branchen haben trotz sinkender Inzidenzwerte und den damit einhergehenden Lockerungen weiter zu kämpfen.“ Die weiter geltenden Auflagen bewirkten einen finanziellen und personellen Mehraufwand für die Unternehmen. Parallel müsse das Vertrauen und die Konsumbereitschaft der Kunden erst wieder wachsen. „Was wir jetzt brauchen, ist eine klarer Fahrplan für weitere Öffnungen, der Sicherheit und eine konkrete Perspektive schafft.“
Die Ergebnisse des IHK-Konjunkturberichtes im Einzelnen:
In der Industrie ist die Erholung am weitesten fortgeschritten und auch insgesamt bleiben die Krisenauswirkungen vergleichsweise moderat. Das Geschäftsklima steigt deutlich auf 21,9 Punkte (2020: -14,2). Dabei bewerten die Unternehmen ihre Geschäftslage aktuell auf dem Vorjahresniveau. Bei den Geschäftserwartungen, die – aufgrund der Unsicherheit – vor einem Jahr sehr pessimistisch waren, zeigt sich aktuell eine deutliche Erholung, die sogar wieder einen Überhang der Optimisten widerspiegelt. Die Absatzerwartungen haben sich verbessert und die Branche geht nun von steigendem Absatz – vor allem im Ausland – aus. Investitionsneigung und Beschäftigungsabsichten sind per Saldo wieder positiv.
Im Baugewerbe hellen sich die Aussichten wieder auf. Auch hier sind die Krisenauswirkungen insgesamt moderat, auch wenn fehlende Auftragseingänge die Stimmung getrübt hatten. Das Geschäftsklima steigt bei verbesserter Lage auf 24,7 (0,9) Punkte an. Die Geschäftserwartungen sind per Saldo neutral. Es wird wieder mit leicht steigenden Umsätzen gerechnet. Dementsprechend sehen die Bauunternehmen auch wieder steigenden Personalbedarf.
Das Dienstleistungsgewerbe befindet sich dagegen weiter in der Krise. Zwar können einige Unternehmensdienstleister wieder ungestört arbeiten, der Großteil der Unternehmen ist hier aber weiter eingeschränkt. Das Geschäftsklima liegt mit -9,9 Punkten (-29,1) weiterhin unterhalb der Nulllinie. Die Erwartungen sind zwar aktuell weniger pessimistisch als 2020 – die Lageeinschätzung verbessert sich aber nicht. Die Situation bleibt angespannt – insbesondere bei den personenbezogenen Dienstleistern.
Auch im Handel ist noch keine breite Erholung zu verzeichnen. Allerdings gibt es Bereiche, die deutliche Verbesserungen vermelden können, so etwa der Großhandel. Das Geschäftsklima steigt damit auf 2,4 Punkte ( 30,0) an. Angesichts der Geschäftserwartungen von -18,9 Prozentpunkten überwiegen weiterhin die Pessimisten – insbesondere im Einzelhandel.
Im Verkehrsgewerbe schließlich können vereinzelte Verbesserungen die Stimmung nicht drehen. Das Geschäftsklima ist mit -43,9 Punkten (-23,2) sogar weiter abgesunken und markiert einen historischen Tiefstwert. Die Geschäftslage ist angesichts des anhaltenden Lockdowns vor allem im Personenverkehr deutlich verschlechtert, die Erwartungen verharren auf dem sehr pessimistischen Vorjahresniveau. Nur im Gastgewerbe fällt die Stimmung laut Umfrage noch schlechter aus.
In der Anlage finden Sie außerdem den vollständigen Konjunkturbericht und aktuelle wirtschaftliche Strukturdaten für die Region.
